Auf leisen Sohlen schleichen sie über die feste Schneedecke. Ihre Beute hört und sieht sie erst, wenn es bereits zu spät ist. Für Menschen sind diese Wesen Geister der Berge, weil sie nicht nur sehr selten vorkommen, sondern weil Gebirgsregionen bis 6.000 Höhenmeter ihre Heimat sind.

Anfang 2015 reiste ich nach Kirgisistan, oft auch Kirgistan oder Kirgisien genannt, um für den Naturschutzbund Deutschland (NABU) einige dieser faszinierenden Wesen zu fotografieren und um deren Schutzprojekte für die Geister der Berge zu besuchen.

Kirgisistan und die Geister der Berge

Kirgisistan ist ein zentralasiatischer gebirgige Binnenstaat mit rund 6,25 Millionen Einwohnern. Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan und China sind dessen Nachbarstaaten. 94 Prozent der Landesfläche sind gebirgig und nur auf 20 Prozent der Fläche ist Landwirtschaft möglich. Die Hauptstadt ist Bischkek, wo ich im Januar 2015 landete und mich auf die Geister der Berge freute.

Die Rede ist von einer der bedrohtesten und schönsten Großkatzen weltweit: dem Schneeleoparden. Es soll laut Schätzungen nur noch 4.000 bis 6.600 wildlebende Schneeleoparden geben. Sie leben im Hochgebirge Zentralasiens, auf einer Fläche von 1,8 Millionen Quadratkilometern. In Kirgisistan leben schätzungsweise 800 dieser Großkatzen.

Kurzüberblick Kirigisistan in Zahlen

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Einwohner
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pro km² (232/km² in Deutschland)
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Schneeleoparden
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Fläche
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Gebirgig
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landwirtschaftlich nutzbar

Bedrohte Schönheit in Gefahr

Kirgisistan hatte früher eine der größten Schneeleoparden-Populationen. In den späten 1980er Jahren gab es laut Schätzungen 1.200-1.400 dieser Großkatzen im ganzen Land. Dies entsprach damals rund 75 Prozent aller Schneeleoparden in der Sowjetunion.

Das sowjetisch staatliche Zookombinat war die staatliche Einrichtung der Sowjetunion, die für den Fang, Export und Weitergabe an Zoos von seltenen Großkatzen und wilder Tiere zuständig war. In den 1970er und 80er Jahren wurden jedes Jahr ca. 40 Tiere gefangen und für 50 Dollar an Zoos weiterverkauft. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden nicht nur die Fänger arbeitslos, zahlreiche wichtige Wirtschaftszweige der Region brachen zusammen und tausende Menschen verloren ihre Arbeit. Daher erschien die Jagd nach Schneeleoparden für immer mehr Menschen attraktiv. Immerhin war das dichte, gräulich-beige melierte Fell mehrere Jahreseinkommen wert. Diese massive Wilderei bedrohte erheblich den Bestand, genauso wie die Wilderei der Beutetiere, sowie die Zerschneidung und Zerstörung des Lebensraumes. Oftmals kam es daher zu Konflikten zwischen Schneeleoparden und Viehzüchtern. Um die Jahrtausendwende hatte sich der Bestand von 800 Tieren auf 150 bis 200 drastisch reduziert. Seit 2008 ist der Schneeleopard auf der roten Liste der bedrohten Tierarten der Weltnaturschutzorganisation IUCN (International Union for Conservation of Nature) als „stark gefährdet“ eingestuft.

Schneeleoparden-Population Weltweit

Quelle: IUCN Redlist

Der NABU in Kirgisistan

Bereits Ende der 1990er Jahre startete der NABU ein Projekt zum Schutze der Schneeleoparden in Kirgisistan. 1996 richtete die Organisation das 43.000 km² große Biosphärenreservat Issyk-Kul ein. 2001 wurde der offizielle Vertrag mit der Regierung unterzeichnet. 2010 eröffnete der NABU eine Filiale in Bischkek mit 21 Mitarbeitern. Der NABU führt verschiedene Projekte zum Schutz der Großkatzen durch: Zum einen bieten sie verschiedene Umweltbildungsangebote und die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung an, in dem sie Vorträge und Workshops zur Verbesserung des Schutzgebiet- und Weidemanagement geben und Monitoring-Arbeit leisten. Zum anderen betreiben sie politische Aufklärungsarbeit und beschäftigen die Anti-Wilderei-Einheit „Gruppa Bars“, welche ich einige Zeit begleiten konnte. Der NABU finanziert zudem ein Rehabilitationszentrum für Wildtiere. Es liegt in der Nähe von Ananyevo am Issyk-Kul-See. Der See ist mit über 6.200 km² der zweitgrößte Bergsee der Welt und an manchen Stellen bis zu 700 Meter tief. Issyk-Kul bedeutet „warmer See“. Das kommt durch den hohen Salzgehalt im Wasser, sodass er selbst im Winter nicht gefriert. Das Zentrum versorgt verletzte Wildtiere, wie bspw. Greifvögel oder Luchse, bietet konfiszierten Wildtieren einen Platz zur Erholung und Gesundung und beinhaltet zudem das weltweit größte Schneeleopardengehege. Finanziert wird es durch Spendengelder des NABUs und durch private Schneeleoparden-Patenschaften.

Ein Freigehege für große Miezen

Das Freigehege liegt auf 1.850 Meter Höhe und erstreckt sich über 7.000m². Es bietet einen großen geschützten und naturgerechten Lebensraum für damals vier Schneeleoparden. Die ersten Bewohner waren 2002 Bagira und Alcu. Die beiden Weibchen wurden von Wilderern gefangen. Bagira verlor in einer Falle zwei Zehen der rechten Vorderpfote. Alcu verlor sogar die ganze linke Vorderpfote, was sie jedoch nicht davon abhielt die Chefin des Geheges zu sein. Beide Damen konnten aufgrund ihrer Behinderung nicht mehr ausgewildert werden. 2003 zog der stolze Kater Kunak in die Frauen-WG. Er wurde von den Gruppa-Bars aus einem Wanderzirkus befreit. Kunak konnte ebenfalls nicht ausgewildert werden, da er bereits als Jungtier gefangen wurde und so nie lernen konnte, wie das Leben in freier Wildbahn funktioniert. Dass es den Schneeleoparden in dem Freigehege sehr gut geht, bewies die Geburt von Kalutschka, der Tochter von Kunak und Bagira, 2006. Alcu und Kalutschka verstanden sich nicht besonders, weshalb Kalutschka in einem separaten Gehege leben muss. Ein paar Monate nach meinem Besuch verstarb Bagira. Die Lebenserwartung liegt bei Schneeleopard bei ca. 12 bis 13 Jahren, in Gefangenschaft sogar bis zu 21 Jahren.

Hoch zu Ross durch den Chon-Kemin Nationalpark

Nach drei Tagen bei dem Freigehege zog es mich in die mystischen, schneebedeckten Berge, um ggf. diese faszinierenden Großkatzen auch in Freiheit beobachten zu können. Dafür schloss ich mich den Gruppa Bars, der Anti-Wilderei-Einheit, an. Mit zwei Geländewagen fuhren wir in den Chon-Kemin Nationalpark. Der 5.000 km² große Chon-Kemin Nationalpark liegt in der Grenzregion zu Kasachstan und beheimatet viele gefährdete Tierarten, wie Schneeleoparden und Marco Polo Schafe, auch Pamir-Argali oder Katschkar genannt. Drei Tage lang durfte ich die Gruppa Bars dort bei ihrer Arbeit begleiten. Im Nationalpark sattelten wir auf sieben Pferde um und ritten durch die bezaubernde Winterlandschaft. Der Schnee war hüfthoch und die Temperaturen mehr als eisig. Unser Ziel war es selbstauslösende Fotofallen aufzustellen und zu kontrolieren. Diese Kameras dienen zum einen dazu die Aufenthaltsorte der Schneeleoparden zu ermitteln und zum anderen die Tierbestände zu zählen. Die Großkatzen leben auf bis zu 6.000 Höhenmeter. Nur im Winter folgen sie ihren Beutetieren bis auf 2.000 Höhenmeter.

Ein gestohlener Kuss im Salkyn-Tor Nationalpark

Vom Chon-Kemin Nationalpark fuhren wir in den Salkyn-Tor Nationalpark. In diesem Nationalpark stieß ich auf Tian Shan-Wapiti. Sie leben weit ab von jeglicher menschlicher Zivilisation in der gleichnamigen Tian Shan Gebirgskette. Die Tian Shan-Wapiti sind die größte Unterart der asiatischen Elche, sowohl in Körpergröße als auch im Geweih. Da sie kaum Kontakt zu Menschen haben, waren diese schönen Wesen eher fasziniert als geängstigt von mir. Ich stand mitten in der Herde, konnte ihnen wahnsinnig nah kommen, ihre Atemwolken spüren und auf einmal bekam ich von einer sehr süßen Wapiti-Dame sogar einen schüchternen Kuss. Dieses Erlebnis von Innigkeit und Frieden zwischen zwei so unterschiedlichen Spezies werde ich nie vergessen.

Zu Gast bei Freunden

Mir ist bei meinen Reisen immer wichtig, nicht nur das Land zu bereisen, Fotos zu machen und wieder zu gehen, sondern mich ebenfalls mit den Menschen vor Ort auseinander zu setzen. Ich hatte die Ehre die Familie eines befreundeten Yak-Züchters zu treffen. Die Kleinen führten ein traditionelles Kunststück auf einem Esel vor, ich spielte mit ihnen und trotz Sprachbarriere verstanden wir uns super und lachten viel zusammen. Am Nachmittag beobachtete ich einige Yaks. Yaks sind eine Rinderart mit dickem, zotteligem Fell und kleinen Hufen, mit denen sie im unwegsamen Gelände guten Halt finden. Anders als das Hausrind sind sie in der Lage mit ihren Hufen auch unter meterdickem Schnee zu scharren und Nahrung zu finden. Sie sind in der ressourcenarmen Region ein wichtiger Lieferant für Milch, Fleisch, Wolle und Leder. Selbst ihr Kot wird nicht verschwendet. Er wird getrocknet und als Brennmaterial verwendet.

Es war bereits mein zweites Mal, dass ich in dieses faszinierende und atemberaubende Land gereist bin. 2013 durchfuhr ich das Land bereits mit Land Rover bei der Land Rover Experience Tour. Aber jedes Mal beeindruckt es mich erneut. So viel Ursprünglichkeit, Gastfreundlichkeit und Rohheit gepaart mit der puren Schönheit der Natur lassen mich wieder hierher zurückkehren. Ich freue mich auf die nächsten Abenteuer, die mir dieses Land schenken wird.

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